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Buch des Monats Mai 2026

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Horst Lommel
Der erste bekannte bemannte Raketenstart der Welt / Geheimaktion NATTER

Die Faszination für die oft als „Wunderwaffen“ bezeichneten Projekte der deutschen Flugzeugindustrie ist ungebrochen. Seit Jahrzehnten greifen Autoren dieses Thema auf - irgendwo zwischen Technikbegeisterung, historischer Neugier und einer guten Portion Mythos.

Als Rudolf Lusar 1956 sein Buch über die deutschen Waffen und Geheimwaffen des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte, war das einer der ersten Versuche, dieses Halbdunkel etwas aufzuhellen. Auch die Bachem Ba 349 „Natter“ wurde dort schon erwähnt – allerdings eher am Rande. Die Datenlage: dünn.

Mit dem hier vorliegenden Titel von Horst Lommel - Der erste bekannte bemannte Raketenstart der Welt. Geheimaktion Natter - hat sich das, um es vorwegzunehmen, ziemlich grundlegend geändert.

Was man als Leser bekommt, ist keine lose Sammlung von Geschichten, sondern eine sauber aufgebaute, quellengestützte Darstellung. Fotos, Zeichnungen, Tabellen und Originaldokumente machen aus einem lange eher nebulösen Projekt ein erstaunlich klares Gesamtbild. Und das unter Bedingungen, bei denen man sich heute schon fragt, wie das überhaupt funktionieren konnte: Zeitdruck, Materialmangel, Personalknappheit und Störangriffe - alles gleichzeitig.

Besonders gut gefallen hat mir die klare Struktur. Von der Vorgeschichte über das technische Konzept bis hin zur praktischen Erprobung - das ist nachvollziehbar aufgebaut, ohne trocken zu werden. Auch die beteiligten Personen bleiben nicht bloß Namen. Man bekommt ein Gefühl dafür, wer da eigentlich was gemacht hat.

Und dann sind da diese kleinen Details, bei denen man hängen bleibt. Für mich war das zum Beispiel die Tragschlepp-Technik. Kannte ich so nicht. Das Fluggerät ist dabei im eigenen Schwerpunkt im Schwerpunkt der Schleppmaschine aufgehängt und wird beim Start einfach „mit nach oben gehoben“. Klingt erstmal abenteuerlich - hat aber offenbar funktioniert. Gerade solche Stellen machen das Buch für mich lebendig.

Überhaupt hat mich fasziniert, wie improvisiert vieles bei der „Natter“ eigentlich war. Klar, das Walter-Flüssigkeitsraketentriebwerk HWK 109-509 D und die Schmidding-Zusatzraketen waren Hightech. Aber der Rest? Fast die gesamte Zelle stammte aus der Möbeltischlerei! Und trotzdem zeigt die motorlose Flugerprobung ziemlich deutlich: Das Ding flog. Und zwar besser, als man vielleicht erwarten würde.

Das ist für mich einer der spannendsten Punkte des Buches: Es entzaubert ein Stück weit den Mythos - ohne ihn komplett kaputtzumachen. Man sieht plötzlich weniger das „Wundergerät“ und mehr ein extrem pragmatisch entwickeltes Flugzeug unter Ausnahmebedingungen. Im Modellbaubereich unseres fantastischen Museums sind übrigens mehrere Exemplare der BACHEM Ba-349 schön platziert.

Eine kleine Randnotiz noch: Bei meiner Recherche bin ich auf eine Leserzuschrift zur Erstauflage von 2005 gestoßen, in der eine fehlerhafte Sütterlin-Abbildung kritisiert wurde. In der aktuellen – angeblich unveränderten - Neuauflage habe ich genau diese Stelle nicht mehr gefunden. Zufall? Oder still korrigiert? Wäre zumindest interessant zu wissen.

So, und jetzt die einfache Frage: Lohnt sich das?

Aus meiner Sicht: ja. Wer sich für Luftfahrt, Technik und Waffengeschichte interessiert und die „Natter“ bisher nur vom Hörensagen kennt, bekommt hier eine fundierte, gut lesbare und angenehm unaufgeregte Darstellung. Und ganz ehrlich: Gerade diese Mischung aus Improvisation, Ingenieurskunst und ein bisschen Wahnsinn macht das Ganze ziemlich faszinierend.

Einen Blick ins Buch gibt es hier.

Euer buchpilot24


Kontakt zum Autor der Buch-des-Monats-Reihe können Sie hier aufnehmen: Buchautor